Herzlich Willkommen in meinem Blog auf www.kuelling.li

Hier findest du Aktuelles, Links, Tipps, Fotografie, Musik etc. Je nach Lust und Laune hat es auch mal was Sinnfreies dabei. Unter den Rubriken kannst du die verschieden Themen auswählen.

Sonntag, 29. September 2013

Wenn Arbeit krank macht

Immer mehr Menschen geraten in die Burnout-Falle. Sie fühlen sich im Job gestresst, überfordert und nicht geschätzt. Gerade ihr Drang, fleißig und perfekt zu sein, lässt ihre Seele erkranken. Dabei helfen einfache Regeln gegen die Erschöpfung.


Eines Tages brach Michael Scherer weinend zusammen. Im Büro, unter den Augen der Kollegen. „Das war ein bitterer Moment“, erinnert sich der 56-Jährige. „Auch mir musste ich eingestehen, dass es nicht mehr ging.“ Zum Glück habe sein Chef mit Verständnis reagiert, ihm sofort gesagt, er solle erst wiederkommen, wenn es ihm besser gehe. Auch die Kollegen hielten zu ihm: „Wir halten die Stellung für dich.“

Schon früher war der Notarfachreferent seelisch kollabiert 


Damals sei er wegen vermeintlicher Angstzustände wochenlang an seiner eigentlichen Krankheit „vorbeitherapiert“ worden. Über Burnout, so Scherer, habe da noch niemand geredet. 

Inzwischen kennt Scherer sein Problem: Er liebt seine Arbeit – und neigt dazu, sich in den Job richtig reinzuknien. „Es gab Phasen, da habe ich mindestens 50 Stunden die Woche gearbeitet und bin regelmäßig am Wochenende ins Büro gefahren, um die Akten abzuarbeiten.“ So richtig zu „powern“, das habe ihm am Anfang Spaß gemacht und Befriedigung verschafft.

Doch dann ließen die Kräfte nach. „Ich habe einfach nichts mehr hinbekommen. Konnte mich nicht mehr konzentrieren, war in den Gesprächen mit den Mandanten gar nicht mehr richtig da.“

Stress, Druck und Angst 


Viele Menschen fühlen sich durch die tägliche Job-Routine überfordert. Und das Gefühl trügt nicht. Laut Stressreport 2012, für den die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin bundesweit mehr als 17 500 Arbeitnehmer befragte, klagen 52 Prozent der Beschäftigten über Termin- und Leistungsdruck, 43 Prozent sind davon überzeugt, ihr Arbeitsstress habe in den letzten Jahren zugenommen. Fast jeder Fünfte fühlt sich überfordert. 

Für Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sind die 59 Millionen Krankentage, die Arbeitnehmer im Jahr 2011 wegen psychischer Belastung anhäuften, mehr als nur ein Alarmsignal. Die Burnout-Epidemie kostet Unternehmen und Sozialversicherungen Milliarden.

Auch Gewerkschaften und Rentenversicherer bestätigen: Der Job macht immer mehr Menschen fertig. Inzwischen, so die Berechnungen, leiden 41 Prozent all derer, die vorzeitig unfreiwillig aus dem Beruf ausscheiden, unter psychischen Störungen: etwa Depressionen, Panikattacken, Angststörungen.

Job-Patient Scherer weiß, dass ein Burnout verschiedene Ursachen haben kann. Was der eine verträgt, wirft den anderen eben aus der Bahn. Einen gemeinsamen Grund für die Erschöpfung so vieler Menschen glaubt Scherer allerdings deutlich zu erkennen. Die Arbeit werde immer schneller – und diese Beschleunigung sei nicht nur für ihn „ein Problem“. Früher etwa habe er für das Erstellen eines Vertrags Tage, ja Wochen Zeit gehabt. Heute komme der Auftrag vom Makler per Mail und eine Stunde später solle der Vertrag vorliegen. „Das setzt mich wahnsinnig unter Stress.“

Woran liegt es, dass die Arbeit so viele Seelen zerschleißt? 


Eine Antwort gibt Andreas Boes, Soziologe am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München. In den vergangenen Jahren haben er und sein Team mehr als tausend Interviews mit Angestellten geführt. Fazit von Boes: „Wir haben eine neue Belastungskonstellation: Zum einen immer mehr ältere Arbeitnehmer, zum anderen aber eine deutliche Leistungsverdichtung.“ Unternehmen erwarteten einen immer höheren Output innerhalb der gleichen Arbeitszeit. Sämtliche Aufgaben seien heute in Prozesse zergliedert. 

Das gelte für IT-Spezialisten, die Kundenanfragen nach einer strikten Regel abarbeiten müssten, genauso wie für Krankenschwestern, denen etwa die Art der Patientenwäsche vorgeschrieben sei, oder für Behördenmitarbeiter, die bei sämtlichen Anträgen nach einem bestimmten Muster vorzugehen hätten.

Quelle: FOCUS Magazin Nr. 24(2013)